Fallgeschichte: Die Energien des Menschen

Ein fiktiver psychotherapeutischer Fall 

Die Energie des Menschen

Bianca ist eine 32 jährige Frau, der es seit langer Zeit nicht so gut geht. Eigentlich im besten Alter, steht sie kurz vor der Scheidung. Sie ist Mutter von zwei lieben, aber schwierigen Kindern. Sie arbeitet seit acht Jahren in einem Büro. In dem fühlt sie sich nur ausgenutzt. Die Aufgaben sind für sie zu viel. Sie kommt einfach nicht nach. Sie fühlt sich ausgepowert. Aber eigentlich fühlt sie gar nicht mehr.

Nun sitzt sie in einer Praxis der Psychotherapie. Gerade hört sie sich an, über wie viel Energie sie verfügt, die in ihr stecken sollen. Dabei ist es nicht nur eine Energie über die Bianca verfügt. Es sind viele. Und diese Energien sollen in jedem Menschen stecken. Bianca zweifelt, dass sie überhaupt noch ein Fünkchen Energie in sich trägt. Die Mitmenschen haben sie ausgepowert. Sie ist nur noch fertig mit der Welt und weiß nicht mehr ein noch aus. Sie hört, dass jeder Mensch eine physische Energie hat, aber auch eine emotionale. Auch gibt es in jedem eine mentale und auch eine ideelle oder auch spirituelle Energie. Doch sie muss es für sich verneinen. Nein, sie spürt in sich keine dieser Energien. Sie ist energielos. 


Die Physische Energie

Es gibt die physische Energie. Sie kommt durch das Schlafen und das Essen. Die Energie kommt auch durch Sport treiben. Doch Sport war noch nie so ihre Sache. Biancas natürlicher Schlaf-Wach-Rhythmus ist schon, seitdem sie in diesem Büro arbeitet gestört. Das merkt sie an ihren Antrieb, der gar nicht mehr da ist. Überstunden sind alltäglich. Wer nicht in Bestzeit die Akten bearbeitet, der wird gemoppt. Freue bei der Arbeit ist gleich Null. 

Die 6 bis 8 Stunden Schlaf, die die Schlafhygiene postuliert, hält sie schon lange nicht mehr ein. Ohne ausreichend Schlaf ist ihr auf Dauer alles zu viel. Sie fühlt sich immer und immer müde. Aber am Abend kann sie doch nicht abschalten und einschlafen erst recht nicht. Sie braucht manchmal viele Stunden bis sie dann endlich einschläft. Die Grübelschleife hört einfach nicht auf. Nach Kenntnissen der Medizin kann man den Schlaf nicht nachholen, den man versäumt hat. Den Schlaf am Wochenende nachholen, würde sowieso nicht gehen. Die Kinder kommen schon ab 6 Uhr in ihr Bett gekrochen. Auch gönnen ihr die Rückenschmerzen keinen Tiefschlaf. Sie wird beim Drehen und Wenden immer wieder wach. 

Die Arbeit verdirbt ihr den Appetit. Sie bekommt einfach nichts mehr herunter. Durch den täglichen Stress vergisst sie, immer wieder zu essen. Und wenn sie etwas isst, dann meist vom Bäcker. Sie holt sich auch ab und zu etwas aus der Kantine, die offenbar nur eine Fritteuse besitzt, mit alten, verbrauchen Fett. Wie sie sich und ihre Kinder gesund ernähren soll, weiß sie ja an sich, aber an sich auch nicht. Wer weiß das schon. Ihr ist klar, dass zu viel Fett und süßes Zeug nicht die physische Energie auffüllt, sodass sie davon zehren könnte. Aber wenn die Kinder etwas Süßes essen, dann sind sie wenigstens ruhig.


Die Emotionale Energie

Ihre emotionale Energie war natürlich vorhanden, als sie sich vor zwei Jahren frisch verliebt hat. Sie hätte Bäume ausreißen können. Sie war voll von Liebe. Und was schenkt mehr emotionale Kraft als die Liebe? Sie hat sich kurzzeitig verloren, war eins mit ihm. Das war schön. Doch sie kommt schon lange nicht mehr an dieses schöne Gefühl des Verliebtseins heran. 

Auch Freundschaften spendeten Bianca sehr viel emotionale Energie. Doch seit die Kinder in ihr Leben traten, haben sich die Freunde auf einmal in Luft aufgelöst. Sie tat aber auch nicht viel, um mit den Freunden in Kontakt zu bleiben. Jahrelang wählte sie schon nicht mehr die Nummer ihrer besten Freundin. Sie hat einfach keine Zeit.

Die emotionale Batterie lädt sich durch Liebe auf. Doch daraus wurde bei Bianca nichts. Viel mehr wurde ihre Batterie durch Wut und Zorn gegen ihren Mann immer mehr geleert. Er raubte ihr mit wachsender Freude ihre Nerven. So scheint es für sie. Es scheint sogar so zu sein, als wolle er ihr absichtlich wehtun, sie bloßstellen und sie aussaugen. Aus der Liebe zu ihrem Ehemann wurde blanker Hass.

Um Liebe zu spüren, sprang sie in eine Affäre. Die brachte in kurzer Zeit einen Schub voller Energie. Doch das war nur am Anfang so. Im Grunde kostete es ihr durch die geheime Sünde und das Drama kurze Zeit später so viel Energie. Man könnte damit ein ganzes Kraftwerk ersetzen. Hat sich die Affäre gelohnt? Nein, für sie nicht. Sie ist sich jetzt sogar sicher, dass es sich für niemanden lohnt. Man holt sich noch mehr Probleme ins Haus. Mitten in der Affäre kam das Erschöpfungssyndrom. Beide Männer fingen an, ihr Vorschriften zu machen. Sie fühlte sich ausgenutzt. Sie fühlt sich zerrissen. Gefühle von Schuld kamen hinzu. Seitdem steckt sie in der schwierigsten Zeit ihres Lebens. 

Sie trank von da an immer mehr Alkohol. Denn da war noch der Zorn gegen ihren Chef. Sie riss sich förmlich jahrelang den Hintern auf. Und die blöde Schröder wurde zur Teamleiterin befördert. Bianca nicht! Sie fühlte sich betrogen und hintergangen und ausgenutzt. Die Schröder, die keine Ahnung von dem Job hat, bremst sie regelrecht hinterlistig aus. Und sie weiß, dass die Schröder sie hasst. Sie bekommt auch immer die Akten, die mühsam zu bearbeiten sind, die knifflig sind. Die Aggression auf der Arbeit wurde von Tag zu Tag größer. Dabei vollzieht sie sehr gut für sich nach, dass Aggression das letzte bisschen der emotionalen Energie raubt. 

Doch wie soll sie die Aggression stoppen? Sie versuchte es mit Schönreden und mit Yoga, aber ohne Erfolg. Sie kaufte sich sogar ein Buch über positives Denken. Doch da sie von sich und dem Buch nicht überzeugt war, funktionierte das auch nicht. Die Aggression wurde immer mehr. Je mehr sie gegen die Wut privat und beruflich ankämpfte, desto mehr wurde diese zu Hass gegen alles und jeden.


Mentale Energie

Sie war immer müde. Also ging sie zu ihrem Arzt. Der sagte ihr dann, dass sie eine reaktive Depression habe. Der Arzt meinte, dass mit solch einer affektiven Störung nicht zu spaßen sei. Er schrieb eine Überweisung und schickte sie zum Psychotherapeuten. Der Arzt sagte, dass es kaum möglich sei, die Energie ganz allein wieder aufzuladen und verschrieb ihr ein paar Pillen. Denn selbst wenn sie wüsste, wie sie ihre Energie aufladen kann, muss sie auch wissen, wie sie die seelische Tankstelle anfahren kann. Praktisch tankte sie sowieso nicht gern. Sie vergaß immer wieder, auf welcher Seite sich der Tank befand. Ihr Tank war leer und nun sei nur noch anschieben angesagt.

Bianca glaubte nicht mehr an eine Besserung. Wenn die Kinder nicht wären, hätte sie schon ganz mit ihrem Leben ... Aber den Gedanken zu Ende zu führen, das traute sie sich nicht. Schließlich hatte sie ja auch für den Schutz der Kinder zu sorgen. Aber sie hat alle Lebensfreude verloren. Bianca interessiert sich für nichts mehr und fühlte sich ausgebrannt. Klar, wo soll auch die Energie herkommen. In der Familie wird sie immer wieder überfordert. Und jetzt steht sie kurz vor der Scheidung. Sie hat das Gefühl, als würde ihr Mann sie ausnehmen, wie eine Weihnachtsgans. Er hat fast nichts in der gemeinsamen Wohnung gelassen, nur die gemeinsamen Kinder. 

Da sitzt sie nun vor dem Psychotherapeuten. Eigentlich wollte sie gar nicht zum Psychologen gehen. Sie hat es doch eigentlich nicht nötig, sie doch nicht. Sie rang wochenlang mit sich. Bis sie beim Psychotherapeuten anrief. Dann vergingen wieder Tage, bis sie einen Termin hatte. Denn einen Termin zu bekommen, war schon so schwierig, dass sie heute erleichtert ist, vor diesem fremden Mann zu sitzen. Dann erfuhr sie, dass ihre Krankenkasse nicht die richtige Psychotherapie für sie hat. Denn sie wollte weder in der Psychoanalyse ihre Kindheitsgeschichte erzählen, noch in der Verhaltenstherapie ihr Verhalten ändern. Die anderen sind doch schuld und nicht sie.

Schließlich sitzt sie nun vor dem Psychotherapeuten und schüttet gerade ihr Herz aus. Aus ihren glasigen Augen kullern gleich die ersten Tränen hervor. Sie versucht es zu verhindern, sie wollte nie mehr vor einem Mann weinen. Aber dafür hat sie keine Kraft mehr. 


Ideelle Energie

Jetzt, nachdem sie ihre Lebensgeschichte offenbarte, fragte der Psychotherapeut nach ihrem Sinn im Leben. Die ideelle Energie könne sie sicherlich aus der Krise holen. Auch der Glaube an Gott könne das machen, so eine psychotherapeutische Theorie. Doch Bianca glaubte noch nie so richtig an Gott. Nicht dass sie es nicht versucht hätte. Schließlich ist sie evangelisch. So versuchte sie es sogar mit Beten. Aber sie glaubte gar nicht mehr, vor allem nicht an sich selbst.

Der Psychotherapeut fragt sie, was für sie wichtig sei und was sie wolle. Aber genau das war das Problem. Bianca will eine intakte Familie. Sie wünscht sich nichts sehnlicher als einen Mann an ihrer Seite, bei dem sie Liebe spürt. Sie will spüren, dass sie lebt. Stattdessen war die Liebe nur beim Sex spürbar. Aber das ist für sie kein Liebesbeweis. Sexualität gehört zur Liebe dazu, aber genauso auch Rosen oder ein schönes entspanntes Wochenende in Paris und das gab es nie.

Sie hatte den Wunsch, dass aus ihren Kindern etwas wird, dass sie in Liebe erzogen werden. Aber es sieht so aus, als ob sie nichts von alldem, was sie wollte, auch annähernd erreichen könne. Sie hat ihren Lebenssinn vor Jahren verloren. 

Sie sprach über das Leben, den Tod, die Einsamkeit, aber auch die Verantwortung für sich selbst. Der Psychotherapeut erklärt ihr, dass viele Menschen diese Zweifel haben, und dass dies auch nicht unnormal sei. Es gibt hilfreiche Möglichkeiten wieder an sich zu glauben. Nun fiel ihr buchstäblich ein Stein vom Herzen. Die Psychotherapie schenkt ihr eine Perspektive. Schritt für Schritt tankt sie spürbar wieder Selbstvertrauen auf. Bianca kann wieder spüren. 

Doch nun spürt sie seit Tagen noch etwas anderes. Sie spürt, dass sie wieder von Männern begehrt wird. Es ist ein schönes Gefühl. Denn dass sie von anderen Männern liebevoll umgarnt wird, das findet ihr Exmann richtig scheiße. Es baut sich mittlerweile in ihm eine Aggression gegen alle ihrer neuen Verehrer auf. Nun kommt er nicht mehr mit der Welt zurecht. Er will sie nun zurückhaben. Aber sie tritt ihm nur in seinen mittlerweile dicken Hintern. Rache ist süß. Doch sie weiß auch, dass die Gefühle von Hass bald weg sind.

Nein, sie ist noch nicht über dem Berg. Aber die akute Krise ist vorbei und sie schaut nach vorn. Die Zukunft sieht nun rosiger aus. Sie ist auf dem besten Weg der Genesung. 


Dieser fiktive Fall wurde im Kreis einer Schreibtherapie- Vorlage vom Therapeuten Andreas Kawallek geschrieben. Eine wahre Begebenheit oder Ähnlichkeiten zu existierenden Personen werden ausgeschlossen.



Coach: Andreas Kawallek

Praxis (HPG): Thomasiusstraße 3, 

10557 Berlin

 0176/61 48 80 78

und 

Praxis (HPG): Neue Gartenstraße 52 c,

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